Das große Socken-Mysterium

Es beginnt harmlos. Du nimmst frisch gewaschene Wäsche aus der Maschine, sortierst die Sockenpaare zueinander und stellst fest – eine Socke fehlt. Natürlich. Du wirfst einen prüfenden Blick in die Trommel. Leer. Unter der Maschine? Nichts. Wo ist sie hin?
Socken verschwinden nicht einfach. Sie tauchen irgendwo auf – unter dem Sofa, zwischen den Laken oder an Orten, die so absurd sind, dass sie ein Mysterium für sich darstellen. Vielleicht gibt es eine Parallelwelt, in der all die verlorenen Socken eine neue Gesellschaft gründen.
Socken und ihre Eigenheiten – Ein Familienporträt
Socken sind nicht nur Kleidungsstücke. Sie sind Persönlichkeiten. Da sind die dünnen schwarzen, die sich heimlich zu Löchern mausern, die Kuschelsocken, die sich weigern, in Schuhe zu passen, und die bunten Exoten, die so unpassend sind, dass man sie nur an langen Winterabenden unter der Decke trägt.
In jeder Familie gibt es ein Socken-Ökosystem. Die einen schwören auf streng identische Paare, die man akribisch faltet. Andere werfen Socken einfach in eine Schublade und hoffen, dass sie sich irgendwann von selbst paaren. Spoiler: Das tun sie nie.
Schwarze Löcher und schwarze Socken – Das Dilemma meines Mannes
Mein Mann hat eine ausgeklügelte, wenngleich monotone Strategie entwickelt: Er trägt fast ausschließlich schwarze Socken. Das klingt praktisch, nicht wahr? Alle Socken passen immer zusammen. Doch das ist eine Lüge. Denn Socken altern unterschiedlich. Manche leiern aus, andere bekommen mysteriöse graue Schleier. Es entstehen subtile Schattierungen von Schwarz, die im schwachen Licht der Wintermonate vielleicht niemandem auffallen – aber ich sehe sie.
Um diesem Wirrwarr zu entkommen, habe ich eine drastische Entscheidung getroffen: Ich besitze keine schwarzen Socken mehr. Keine einzige. Denn eines Tages stand ich vor unserem Wäschekorb und stellte fest, dass ich nicht mehr wusste, ob die Socke in meiner Hand meine war – oder die meines Mannes. Seitdem ist klar: Meine Socken sind bunt, gemustert oder schlichtweg unverwechselbar.
Das wilde Sockenleben der Töchter
Meine Töchter gehen, wie zu erwarten, ihren eigenen Weg – auch in der Sockenschublade.

Die ältere Tochter hat eine Schublade voller Socken. Keine zwei davon passen zusammen. Ich glaube, sie trägt si mit Stolz. Sie behauptet, die Welt sei schon grau genug – warum also sollten ihre Füße sich an Konventionen halten? Und so entstehen die fantastischsten Kombinationen: Blümchensocke trifft Dino-Motiv. Links ein Einhorn, rechts eine Socke mit Katzenaugen.
Die jüngere Tochter ist da anders. Sie hat ihre Marke gefunden. Und diese Marke duldet keine Abweichung. Die Socken sind nicht lieferbar? Dann muss eben öfter gewaschen werden. Es gibt nur diese eine Linie, diese eine Form und keinen Platz für Experimente.
Ich und die Sockendisziplin – Der Kampf an der Wäscheleine
Und dann gibt es mich. Fiona, den Sockenmonk.
Ich glaube an Ordnung, zumindest, wenn es um Socken geht. Es beginnt beim Waschen und endet an der Wäscheleine. Bevor ich Socken in die Maschine werfe, nehme ich mir oft kurz die Zeit, sie paarweise zu sortieren. Nicht falten – so verrückt bin ich dann doch nicht – aber zumindest achte ich darauf, dass keine einzelne Socke versehentlich in einer Hosenbeinecke landet und für immer verschwindet.
Doch dann kommt meine Tochter.
Die ältere von beiden, um genau zu sein. Sie hat es perfektioniert, nur eine Socke in die Wäsche zu werfen. Niemals das vollständige Paar. Als würde es eine geheime Regel geben, dass die zweite Socke noch ein wenig lebenserfahrener werden muss, bevor sie bereit ist für den Schleudergang. Und so stehe ich regelmäßig vor der Aufgabe, einzelne Socken an die Leine zu hängen – eine nach der anderen, jede mit ihrer eigenen, einsamen Wäscheklammer.

Das ist die ultimative Herausforderung für meine innere Ordnung. Die Einzelklammer reißt eine Lücke in mein sonst makelloses Wäschebild. Es ist wie ein unvollständiges Puzzle oder eine falsch herum liegende Puzzleteil – es macht mich wahnsinnig. Ich hänge die Socke auf, werfe ihr noch einen letzten prüfenden Blick zu und hoffe inständig, dass ihr Partner bald nachkommt.
Wenn nicht, beginnt das Drama von vorne.

Jedes Paar erhält exakt zwei Wäscheklammern in der gleichen Farbe. Keine Ausnahmen. Eine rote und eine blaue Klammer? Chaos. Zwei grüne? Frieden. Sollte mir eine passende Klammer fehlen, verzichte ich lieber darauf, die Socke aufzuhängen und lasse sie einen weiteren Schleudergang mitfahren. Es gibt Prinzipien, von denen ich mich nicht abbringen lasse – na ja, außer die Tochter bringt mich wieder in diese Einzelsocken-Lage.
Die einsamen Einzelsocken – Poeten der Wäschewelt

Einzelsocken sind wie die Poeten der Waschmaschine – ein wenig verloren, auf der Suche nach ihrem Gegenstück. Manchmal findet man sie Monate später, voller Staub, aber irgendwie tapfer. Und dann, wenn das Paar wieder vereint ist, wird es sofort durchgescheuert und wandert endgültig in die Tonne.
Socken und das Leben – Tiefgang aus der Trommel
Vielleicht sind Socken wie Beziehungen. Mal passt alles perfekt, dann geht man sich verloren, wird getrennt, aber findet oft wieder zueinander. Oder eben auch nicht. Manche Socken sind für immer alleine und scheinen das auch ganz gut zu verkraften.
Ein Plädoyer für mehr Sockenliebe
Vielleicht ist es an der Zeit, die Sache mit den Socken lockerer zu nehmen. Oder vielleicht sollten wir den Socken in unserem Leben mehr Aufmerksamkeit schenken. Denn eines ist sicher: In jedem Haushalt sind sie mehr als bloße Fußwärmer. Sie sind stille Begleiter durch die Jahreszeiten, Zeugen unserer Abenteuer und stille Mahner an die Vergänglichkeit.
Beim nächsten Sockenaufhängen werde ich mich bemühen, weniger streng zu sein. Vielleicht dürfen dann eine grüne und eine blaue Wäscheklammer Seite an Seite existieren.
Aber… wohl eher nicht.
Falls du Fragen hast oder einfach nur plaudern möchtest – ich freue mich über jede Nachricht: Fiona(dot)Lenvain(at)Schattenpforte(dot)de
Auf viele spannende Abenteuer und magische Momente!
Fiona Lenvain
